• Johannes Nickel

Umgang mit unerwarteten Ereignissen


Eine Gruppe von 16 Feuerwehrleuten machte sich auf den Weg, einen Waldbrand zu bekämpfen. Da plötzlich der Wind drehte, erkannte einer der Feuerwehrleute, Dodge, die Gefahr, dass die Gruppe vom Feuer eingekreist werden könnte. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Gruppe in steilem Gelände. Das Feuer kam aus dem Tal auf sie zu. Als einziger Ausweg blieb nur, die Flucht anzutreten und bergauf zu laufen. Nach einigen Metern legte Dodge ein Gegenfeuer. Er befahl der Gruppe, ihre Ausrüstung niederzulegen und sich auf die eben erst abgebrannte Fläche zu legen. Allerdings folgte keiner aus der Gruppe diesem Befehl. Stattdessen wollte der Rest den Bergrücken erreichen. Nur zwei Personen überlebten diesen Fluchtversuch. 13 Personen verloren ihr Leben.


Diese Geschichte wird von Norman Maclean in seinem Buch - Young Men and Fire - beschrieben. Für Karl Weick, einen der renommiertesten Organisationsforscher weltweit, war dieses Buch die Grundlage für seinen 1993 erschienenen Artikel - The Collapse of Sensemaking in Organizations: The Mann Gulch Disaster. Damit verfasste Weick einen der ersten Artikel im Bereich der Betriebswirtschaftslehre, in welchem die Frage behandelt wird: Wie können Organisationen resilienter werden?


Weick nennt vier Quellen:

  • Improvisation and Bricolage

  • Virtual Role Systems

  • The Attitude of Wisdom

  • Respectful Interaction



Diese vier Quellen von resilientem Verhalten werden im Folgenden erläutert sowie auf die aktuellen Ereignisse im Zuge der Corona-Krise übertragen.


Improvisation and Bricolage

Dodge erkannte, dass sich das Feuer schneller auf die Gruppe zubewegte, als sich diese bergauf bewegen konnte. Er legte ein Gegenfeuer. Die abgebrannte Fläche nutze er als Schutzzone. Dodge war ein erfahrener Waldarbeiter. Auf ihn trifft die Beschreibung eines Bricoleurs zu.


Ein Bricoleur ist eine Person, welcher es mit den zur Verfügung stehenden Materialien gelingt, Lösungen vor bestehende Probleme herbeizuführen. Der aus der gleichnamigen Fernsehserie bekannte Charakter MacGyver ist hierfür ebenfalls ein zutreffendes Beispiel.


Einfallsreichtum ist auch im Zuge der Corona-Krise zu beobachten. Sei es in einem Restaurant, welches die Essensausgabe nun über eine Rutsche auf die Straße erledigt oder ein Unternehmen, welches anstatt Kleidungsstücke nun Gesichtsmasken näht. Bricoleure sind gefragt, da diese die zur Verfügung stehenden Ressourcen kombinieren und neue Lösungen schaffen.


Virtual Role Systems

ie Gruppe war kein eingespieltes Team in der Bekämpfung von Waldbränden. Im Laufe des Einsatzes zeigte sich, dass keine intakte Teamstruktur bestand. Beispielsweise ordnete Dodge einen Teil der Gruppe an, die Gegend zu erkunden und mögliche Fluchtrouten auszukundschaften. Innerhalb dieser Gruppe gab es keine Führung, sodass die Gegend nur unzureichend erkundet wurde. Spätestens an dem Zeitpunkt als Dodge den Befahl gab, die Ausrüstung niederzulegen, brach die Gruppe auseinander. Abgesehen von den zwei Personen, welche als kleine Gruppe zusammenblieb, verloren die Einzelkämpfer Ihr Leben.


Nach Weick bedarf es eines Rollensystems innerhalb von Organisationen. Ist dieses nicht vorhanden, ist kein widerstandsfähiges Verhalten möglich.


Aufgrund der aktuellen Beschränkungen stehen viele Unternehmen vor großen Herausforderungen. Unter diesen Bedingungen gilt es den Sinn des Unternehmens zu bewahren. Hierzu sind sowohl die Rollen innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens mit einzubeziehen.


The Attitude of Wisdom

Basierend auf den zur Verfügung stehenden Informationen gingen die Feuerwehrleute davon aus, dass es sich um einen kleineren Waldbrand handelte, welcher bis 10Uhr am darauffolgenden Tag unter Kontrolle sein sollte. Wie sich herausstellte, entsprachen diese Annahmen nicht der Realität.


Weisheit ist für Weick ein Verhalten und keine Eigenschaft. Es geht darum, Informationen zu hinterfragen sowie auf Wahrheit zu prüfen. Dabei sind Erfahrungen aus der Vergangenheit nützlich, denen aber nicht blind vertraut werden sollte.


Die Corona-Krise verursacht Rahmenbedingungen, welche in der jüngeren Geschichte so nicht vorgekommen sind. Führungskräfte sollten daher auf bestehendes Wissen innerhalb ihrer Organisation zurückgreifen, aufkommende Informationen hinterfragen sowie eine aktive Rolle einnehmen.


Respectful Interaction

bgesehen von den zwei Personen, welche gemeinsam die Flucht vor dem Feuer angetreten haben, gab es nur Einzelkämpfer. Lediglich Dodge überlebte aufgrund des Gegenfeuers. Bei den Einzelkämpfern fand keine Interaktion mehr statt. Es bliebt die Frage nach Leben und Tod, welche jeder für sich selbst zu beantworten hatte.


Der respektvolle Umgang basiert auf Vertrauen, Ehrlichkeit und Selbstachtung. Um die Bedeutung dieses Konstrukts zu untermauern, führt Weick die Interaktion zwischen Pilot und Co-Pilot im Cockpit an. Er beschreibt, dass einige Flugzeugunglücke auf eine fehlerhafte Kommunikation zwischen Pilot und Co-Pilot zurückzuführen sind.


Gerade in Krisenzeiten ist die Aufrechterhaltung einer respektvollen Interaktion notwendig, um gemeinsam Lösungen für die aktuellen Herausforderungen zu finden. Aktuell sind anstatt persönlicher Gespräche häufig Videokonferenzen notwendig, um den Kontakt aufrechtzuerhalten.


Fazit

Einerseits liefern die von Weick benannten vier Resilienzquellen eine gute Grundlage, das Verhalten innerhalb von Unternehmen in Krisenzeiten zu reflektieren. Andererseits können diese herangezogen werden, um bewusste Entscheidungen zur Bekämpfung der aktuellen Situation zu treffen. Dabei ist festzuhalten, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Sowohl bei der Hervorbringung von neuen Lösungen als auch bei der Kommunikation. Die von Weick vorgestellten Quellen beziehen sich überwiegend auf das Verhalten während einer akuten Krisensituation.

Ein umfassendes Resilienzmanagement bezieht sich neben der akuten Krisenbewältigung auch auf die Phasen vor und nach einer Krise. Insbesondere vor einem Ereignis sollte für Redundanz und Flexibilität gesorgt werden, sodass bei veränderten Rahmenbedingungen die Handlungsfähigkeit der Organisation sichergestellt ist.


Quellen

Maclean, Norman (1992), Young Men and Fire.


Weick, Karl (1993), The Collapse of Senesemaking in Organization: The Mann Gulch Disaster, in: Administrative Science Quarterly, Jahrgang 38 (4), S. 628-652.