• Dr. Johannes Nickel

Begriffsbestimmung "Organisationale Resilienz"


1. Resilienz als Forschungsgegenstand

Resilienz ist Gegenstand verschiedener wissenschaftlicher Fachrichtungen. Zu nennen sind insbesondere die Disziplinen Psychologie, Ökologie, Metallurgie, Informatik und Wirtschaftswissenschaften (Vgl. Ruiz-Martin/Lopez-Paredes/Wainer 2018, S. 11; Bhamra/Dani/Burnard 2011, S. 5376). Die inhaltliche Gemeinsamkeit ist darin zu sehen, dass alle Disziplinen den Umgang des entsprechenden Erkenntnisobjekts gegenüber Ereignissen mit potenziell negativen Folgen adressieren. (Vgl. Bhamra/Dani/Burnard 2011, S. 5376; Nickel 2020, S. 29). In diesem Beitrag steht die Betriebswirtschaft im Fokus der Betrachtung. Genauer genommen ein Unternehmen. „In der BWL wird unter dem Begriff Organisation das formale Regelwerk eines arbeitsteiligen Systems verstanden. D.h. von Organisation spricht man in diesem Zusammenhang, wenn mehrere Personen in einem arbeitsteiligen Prozess mit Kontinuität an einer gemeinsamen Aufgabe infolge eines gemeinsamen Zieles arbeiten.“ (Gabler Wirtschaftslexikon). Insofern wird von der betrieblichen Resilienz bzw. organisationalen Resilienz gesprochen.


Ziel des Beitrags ist eine Begriffsbestimmung von Resilienz im Kontext der BWL.


2. Das Konzept Resilienz

Innerhalb der betriebswirtschaftlichen Forschung wird das Thema Resilienz seit 40 Jahren bearbeitet. Eine unspezifische Suche nach Beiträgen zur organisationalen Resilienz bei GoogleScholar liefert ca. 800 Treffer. Die verwendeten Suchbegriffe und Ergebnisse sind in Tabelle 1 aufgeführt.

Tabelle 1: Suche auf GoogleScholar


Es existieren mehrere Arbeiten, welche eine Auswahl bestehender Beiträge inhaltlich analysieren, kategorisieren, Schlussfolgerungen ziehen sowie weitere Forschungsbedarfe adressieren. (Siehe hierzu Bhamra/Dani/Burnard 2011; Annarelli/Nonino 2016; Linnenluecke 2017; Ruiz-Martin/Lopez-Paredes/Wainer 2018; Denyer 2017). Die Autoren Ruiz-Martin et al. gehen dabei folgenden Fragen nach: Wie wird Resilienz konzeptioniert und welche Ansatzpunkte bestehen, um Resilienz zu messen. Insbesondere aufgrund der ersten Fragestellung ist die Arbeit für den vorliegenden Beitrag von besonderer Bedeutung.

Nachfolgende Abbildung 1 zeigt die Beziehungen zwischen dem Begriff organisationaler Resilienz und weiteren Erkenntnisobjekten auf. Dabei ist zu erkennen, dass die organisationale Resilienz in Verbindung mit einer Vielzahl von Objekten steht.


Abbildung 1: Beziehung verschiedener Resilienzkonzepte (In Anlehnung an Ruiz-Martin/Lopez-Paredes/Wainer 2018, S. 12)


Auf Basis Ihrer Literaturanalyse halten Ruiz-Martin et al. drei unterschiedliche Konzeptionen fest. Die Konzeption, deren Kernaussage sowie Möglichkeiten zur Messung sind in Tabelle 2 aufgeführt.


Tabelle 2: Konzeptionen organisationale Resilienz


Eine grundlegende Übereinstimmung der Konzeptionen besteht darin, dass es um das Überleben der Organisation infolge plötzlicher Ereignisse oder schleichenden Entwicklungen geht. Allerdings bestehen Unterschiede darin, wie Überleben verstanden wird und ob die Ereignisse und Entwicklungen bekannt oder unbekannt für die Organisation sind (Vgl. Ruiz-Martin/Lopez-Paredes/Wainer 2018, S. 15).

Die Arbeit von Denyer verfolgt eine ähnliche Vorgehensweise, allerdings werden die untersuchten Beiträge Phasen zugeordnet, die jeweils ein unterschiedliches Verständnis von organisationaler Resilienz repräsentieren (Vgl. Denyer 2017, S. 9). Diese lauten:


· Preventative Control (vorbeugende Kontrolle)

· Mindful Action (umsichtige Maßnahmen)

· Performance Optimization (Leistungsoptimierung)

· Adaptive Innovation (anpassungsfähige Innovation)


Ein Blick in die Veröffentlichungsdaten zeigt, dass die von Denyer dargestellte lineare Entwicklung der Phasen in dieser Klarheit nicht stattgefunden hat (Vgl. Denyer 2017, S. 9).

Die Autoren Ruiz-Martin et al. sowie Denyer zeigen mit Ihren Arbeiten, wie unterschiedlich der Begriff der organisationalen Resilienz diskutiert wird. Nachfolgende Tabelle 3 zeigt die Definitionen von organisationaler Resilienz, welche von Ruiz-Martin et al. erarbeitet und im Falle von Denyer zugrunde gelegt wurden.


Tabelle 3: Definitionen organisationale Resilienz


Die Definition von Denyer geht über jene von Ruiz-Martin et al. hinaus, da neben dem Überleben auch die Weiterentwicklung beinhaltet ist. Der Ausschluss dieses Aspektes bei Ruiz-Martin et al. wird damit begründet, dass diese Erweiterung dem Konzept der Antifragilität von Taleb entspricht (Vgl. Ruiz-Martin/Lopez-Paredes/Wainer 2018, S. 21; Taleb 2013).


Die verfügbaren Ergebnisse zeigen, dass innerhalb der Wissenschaft bislang kein Konsens hinsichtlich einer Konzeption von Resilienz besteht. Insofern erscheint auch eine scharfe Abgrenzung zur Antifragilität schwierig. Aufgrund dessen wird der Auffassung von Ruiz-Martin et al. und Taleb nicht gefolgt, dass Antifragilität über die Resilienz hinausgeht.


3. Fazit

Begreift man die vorgestellten Definitionen von Ruiz-Martin et al. und Denyer als Essenz zum Begriff der organisationalen Resilienz, lässt sich Folgendes für ein Unternehmen festhalten:

  • Resilienz ist eine Fähigkeit der Organisation, die gestaltbar ist

  • Resilienz hat einen defensiven Charakter in Form des Überlebens infolge eingetretener Ereignisse und Entwicklungen

  • Resilienz hat einen offensiven Charakter in Form der Vermeidung und Vorbereitung auf Ereignisse und Entwicklungen

  • Resilienz hat einen progressiven Charakter in Form des Lernens aus schwerwiegenden Ereignissen und Entwicklungen

4. Literatur

Annarelli, Alessandro/Nonino, Fabio (2016), Strategic and operational management of organizational resilience. Current state of research and future directions, in: Omega, Vol. 62, S. 1–18.

Bhamra, Ran/Dani, Samir/Burnard, Kevin (2011), Resilience: the concept, a literature review and future directions, in: International Journal of Production Research, Vol. 49, S. 5375–5393.

Denyer, David (2017), Organisational Resilience: A summary of academic evidence, business insights and new thinking.

Gabler Wirtschaftslexikon, Organisation • Definition, https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/organisation-51971 (08.06.2020).

Linnenluecke, Martina (2017), Resilience in Business and Management Research. A Review of Influential Publications and a Research Agenda, in: International Journal of Management Reviews, Vol. 19, 4–30.

Mamouni Limnios, Elena Alexandra/Mazzarol, Tim/Ghadouani, Anas/Schilizzi, Steven G.M. (2014), The Resilience Architecture Framework. Four organizational archetypes, in: European Management Journal, Vol. 32, S. 104–116.

Nickel, Johannes (2020), Wechselwirkungen von Kosten- und Resilienzmanagement im Kontext produktorientierter Entscheidungen, 1. Aufl., Hamburg.

Ruiz-Martin, Cristina/Lopez-Paredes, Adolfo/Wainer, Gabriel (2018), What we know and do not know about organizational resilience, in: International Journal of Production Management and Engineering, Vol. 6, S. 11.

Taleb, Nassim (2013), Antifragile. Things that gain from disorder, London.

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